Zahnlos essen, Tomatensuppe im Glas hilft

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Zuletzt aktualisiert am 26. Januar 2019 um 12:10

Ich habe lange überlegt diesen Artikel hier am Blog zu veröffentlichen, oder doch besser auf jener Plattform, auf der ich sehr viel über meine Krebserkrankung schreibe. Eigentlich dürfen meine Leser doch auch erfahren, wie ein Leben jenseits hübscher, barrierefreier Rezepte und Restaurantempfehlungen mit passenden Gastrezepten im Alltag aussieht.
Seit meiner Diagnose Plattenepithelkarzinom am Zungenrand und Mundboden lebe ich mit großen Einschränkungen bei der Nahrungsaufnahme.

Dysphagie nach Mundhöhlenkrebs

Ein großes Problem stellt dabei, die durch Operation und Bestrahlung erworbene Dysphagie, dar. Das bedeutet, dass ich nicht mehr richtig schlucken kann und jeder Schluckvorgang ein großer Kraftaufwand ist. Außer die Speisen sind breiig, flüssig, aber wer will das denn schon für den Rest seines Lebens. Sehr problematisch sind auch dünne Suppen. Reis, Nudeln, fasriges Fleisch, Brotkrusten, frisches Gemüse, viele Obstsorten sind einfach ein No Go. Dazu kommt der Umstand, dass ich auch den Kiefer nicht mehr richtig öffnen kann. Was zur Folge hat, dass der Beiß- und Kauvorgang sehr eingeschränkt ist.
Ich habe in den letzten drei Jahren sehr gut gelernt mit diesen Umständen zu leben und trotz dieser Widrigkeiten und großen Einschränkungen einen lebenswerten und vor allem auch genussvollen Alltag zu praktizieren.

Tomatensuppe mit Hackbällchen

Strahlenkaries nach Kopfbestrahlung

Vor gut eineinhalb Jahren ist leider ein Umstand eingetreten, den viele Patienten mit Kopfbestrahlungen kennen. Zwei Jahre nach Therapieende haben sich die ersten Anzeichen einer Strahlenkaries bemerkbar gemacht. Binnen kurzer Zeit waren acht Zähne im Unterkiefer, die bis dahin gesund waren, von Karies angegriffen. Erschwerend kommt da meine geringe Kieferöffnung hinzu, die eine ordentliche Zahnbehandlung fast unmöglich macht. Voriges Jahr im Frühling wurden dann nach vielen Erhaltungsmassnahmen trotzdem die angegriffen Zähen unter Narkose aus dem Unterkiefer entfernt. Seitdem trage ich an dieser Stelle ein Provisorium, weil sich auf Grund eines Rezidivverdachtes im letzten Herbst sämtliche Sanierungsmassnahmen verzögert haben. An erster Stelle stand  aus verständlichen Gründen der Ausschluss eines erneuten Karzinoms  und diese Überwachungsphase hat sich über Monate hingezogen, mit dem schönen Ergebnis, dass es sich wirklich nur um einen Verdacht gehandelt hatte.

Schwierige Behandlung des bestrahlten Kieferknochens

Leider hat diese Verzögerung dazu geführt, dass sich das verbliebene Zahnmaterial im Unterkiefer nicht wirklich verbessert hat. Über Monate wurde bei unzähligen Sitzungen versucht, die Zähne zu erhalten und zu stabilisieren, so dass sie einen dauerhaften Zahnersatz tragen könnten. Wie es manchmal so ist  im Leben, wurde dieser Plan ordentlich durchkreuzt, denn auch im Oberkiefer machten sich die ersten Strahlenkariesschäden breit und somit musste auch dort ein Zahn entfernt und ein weiterer saniert werden. Im Zuge dieser Arbeiten brach dann ein bereits stabilisierter Zahn im Unterkiefer ab.
Ich muss nun natürlich erklären, dass viele technische Arbeiten an einem bestrahlten Knochen nicht mehr durchgeführt werden können. Implantate sind nicht so einfach zu setzen. Ein fester Ersatz ist nicht von Vorteil, weil man versucht die ehemalige Tumorstelle jederzeit zugänglich zu halten. Die Kostenfrage möchte ich hier nicht weiter erläutern, denn auch wenn es nach Tumorerkrankungen im Mundbereich diverse Sonderleistungen seitens der Kassen gibt, so decken sie niemals die wirklichen Kosten, die bei einer dauerhafte, seriösen Lösung zum tragen kommen würden. In meinem Fall wird es sich immer nur um einen Kompromiss handeln, selbst wenn die Kasse kulanter Weise einen großen Teil übernehmen sollte.
Und dann trat letzte Woche eine kleine Katastrophe ein. Zahnschmerzen mitten in der Nacht in einem Ausmass, das ich bis dahin nicht kannte und ich traue mir zu sagen, dass ich diesbezüglich sehr erprobt bin. Das ging soweit, dass ich früh morgens auf der Toilette ohnmächtig zusammenbrach.

Zahnverlust

Die Konsequenz dieses theatralischen Zwischenfalls war, dass zwei Tage später sämtliche verbliebenen Zähne im Unterkiefer, vier an der Zahl, ambulant entfernt wurden. Ich stellte mich auf ein gröberes Abenteuer ein. Das war aber nicht der Fall, nach einer Stunde verließ ich dick verschwollen, leicht entstellt und halb zahnlos die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie. Ich versuche stets nach solchen Situationen möglichst schnell in meinen persönlichen Alltag zurück zu kehren, der ja durch meine Essens-Verhaltensauffälligkeiten ohnedies schon ein wenig anders ist.
Dieses Mal ist es aber ein wenig schwierig. Es dauert nun Wochen, eher noch Monate bis ein akzeptabler Zustand hergestellt sein wird. Bis dahin schwimmt ein Provisorium auf meinem sehr beleidigten Unterkieferknochen, das wohl mehr zur Verschönerung als zum Kauen und Beißen dient.
Und warum erzähle ich das jetzt alles?

Das ist eine kleine Erklärung weshalb es hier in den kommenden Wochen nur breiige, dickflüssige Speisen geben wird. Einerseits freue ich mich auf eine spannende Experimentierphase, weil es so gar nicht meinem sonstigen sehr eingeschränkten Essverhalten entspricht, breiig zu essen. Andererseits fühle ich mich sehr in die Zeit der langen Rekonvaleszenz zurückversetzt und daran erinnere ich mich nicht wirklich gerne.
Vielleicht hat der eine oder andere meiner Leser auch einen Ideenanstoß, was ich in der kommenden Zeit so alles auf meine Teller und in meine Schüsseln zaubern könnte.

Heute werde ich ein altes Rezept auskramen, passend zur kalten Regenzeit und eine Tomatensuppe kochen, eventuell ohne faschierte Knöderl.

Tomatensuppe mit Hackbällchen